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Die, die immer da sind

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Eine Multimedia-Reportage des WESER-KURIER

von Katharina Elsner und
Fabian Mondl

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In fast jedem dritten Bremer Haushalt lebt eine Alleinerziehende mit einem minderjährigen Kind. 

Viele der Mütter, es sind vor allem alleinerziehende Frauen, arbeiten zwar, aber zu wenig. Oder sie bekommen zu wenig Gehalt. Jede zweite Alleinerziehende bekommt dafür Hartz IV

Bremen ist auch das Bundesland, in dem viele Menschen wenig Geld haben. Jeder Vierte Bremer ist arm.

Der WESER-KURIER hat zwei Mütter mehrere Monate lang begleitet. 

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Nadja ist 37 Jahre alt und Illustratorin. Sie ist eher still, meditiert, seitdem sie 15 Jahre alt ist.

Wer sie kennen lernt, kann sich gut vorstellen, dass sie zwischen den Menschen verschwindet, um sie zu zeichnen, und wie ihre feinen weißen Hände die Bleistifte über das Papier streifen.

Wenn man sie fragt, wie es ihr geht, erzählt sie oft, wie es ihrem Kind geht. Sie redet nicht gern darüber, wie sie sich fühlt – auch weil ihr Alltag mit dem ihres Kindes verwoben ist.

"Manchmal sind wir wie eineiige Zwillinge", sagt sie.

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Wäre sie Sportlerin, würde sie wohl als Boxerin im Ring stehen. Sarah, blonde Strähnen, trägt meist dunklen Lidschatten, dezent aufgetragen, und Puder auf den Wangen. 

Die 41-Jährige arbeitet im öffentlichen Dienst. In Teilzeit. Die Stelle, die sie übernommen hat, war auf 40 Stunden ausgelegt. Sie arbeitet 26.

Den Rest erledige sie Zuhause, "ehrenamtlich", wie sie sagt. Sie studiert gleichzeitig, will diesen Sommer ihren Master an der Uni Bremen machen.


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Kinder lösen sich irgendwann, schaffen den Schulweg allein. Das gibt den Müttern ein Stück Freiheit. Nadja weiß nicht, ob und wann der Moment für sie jemals kommt.

Matthis ist behindert, geistig auf dem Stand eines Dreijährigen und nicht gut zu Fuß. Ohne Kinderwagen geht er manchmal 800 Meter, wenn er einen guten Tag hat. 

Nur manchmal, wenn Matthis Schwimmtraining hat, kann Nadja 10 Minuten in Ruhe im Becken ein paar Bahnen ziehen.

Im Sommer wird ihr Sohn eingeschult. Sie will, dass er auf eine Ganztagsschule geht. Dann kann sie sich Zeit freischaufeln, mehr arbeiten. 

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Sarah kommt in die Klemme, wenn Pläne sich plötzlich ändern.

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Auch Sarah kämpft für eine bessere Betreuung. Auch sie will mehr arbeiten - aber nur mit Home Office.

Sie will nicht, dass ihr Sohn nachmittags allein Zuhause ist. 

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Das größte Problem für Alleinerziehende ist Geld.

Nur jede zweite Alleinerziehende arbeitet, viele in Teilzeit, oder in Jobs, in denen sie schlecht bezahlt werden.  

Denn gleichzeitig müssen 60 Prozent der Alleinerziehenden, die arbeiten, mit Hartz IV aufstocken. In keinem anderen Bundesland beziehen so viele Alleinerziehende Hartz IV. 

Im Vergleich: Der Anteil von Bremer Paaren, die Kindern haben und Hartz IV beziehen, liegt bei 16 Prozent.

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Nadja hat sechs Jahre lang studiert, jetzt arbeitet sie freiberuflich. Und bezieht zusätzlich Hartz IV.

Für sie sind vor allem Firmenfeiern lukrativ, wo sie im Akkord Karikaturen von den Gästen zeichnet.

Manchmal kommen diese Aufträge kurzfristig rein. Meistens muss sie die dann ablehnen. Sie weiß nicht, wo sie dann ihr Kind lassen soll. 

Eigentlich will Nadja dieses Jahr von Hartz IV loskommen

"Manchmal sind es nur zwei Tage Arbeit, an denen aber mein Monatseinkommen hängt. Wenn mein Babysitter spontan absagt, kann ich nicht einfach jemanden aus dem Ärmel zaubern. Das setzt mich unter Druck", sagt sie.


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Für Frauen wie Sarah ist es schwierig, mit einem Kind wieder Vollzeit - oder überhaupt wieder zu arbeiten.

Nur jede vierte alleinerziehende Arbeitslose schaffte 2015 in Bremen den Sprung in Arbeit.

Im Durchschnitt bleiben die Frauen länger arbeitslos als andere Arbeitslose, mehr als ein Jahr. Die meisten haben zwar einen Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife.

Aber fast 70 Prozent dieser Arbeitslosen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung

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Thorsten Armstroff leitet das Referat Arbeit beim Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen.

Er weiß, warum so viele Alleinerziehende in Bremen benachteiligt sind. 

Esther Schröder ist bei der Arbeitnehmerkammer für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik zuständig.

Sie hat Alleinerziehende zusammen mit dem Jobcenter Bremen gefragt, was sich die Alleinerziehenden, die Hartz IV bekommen, eigentlich wünschen. 

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92 Prozent der Alleinerziehenden in Bremen sind Frauen - und eigentlich eine attraktive Zielgruppe für Unternehmen. "Sie sind gut organisiert, motiviert und haben kaum Krankentage", sagt Esther Schröder von der Arbeitnehmerkammer.

Trotzdem ist die Zahl der Alleinerziehenden in Bremen, die arbeiten, in den letzten Jahren gesunken. In Hamburg und Berlin dagegen steigt sie weiter an.

2015 lag die Quote der Erwerbstätigen in Bremen bei 61 Prozent, in Hamburg bei 71, Berlin bei 66. Bremen bleibt bundesweit Schlusslicht.

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Ja, in fast jedem dritten Haushalt lebt eine Alleinerziehende. So steht es in der Statistik. 

Die Zahlen zeigen aber nicht, wie sehr Bremer Väter in den Alltag der Kinder tatsächlich eingebunden sind, ob sie ihnen morgens die Butterbrote schmieren, abends eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, oder nur alle 14 Tage am Wochenende ein Eis mit ihrem Kind essen. 

Matthis' und Noahs Vater ist nicht da. Warum, soll hier keine Rolle spielen.

So gehört auch das für ihr Mütter Nadja und Sarah dazu: Erklären, warum Papa nicht da ist.


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Matthis versteht noch nicht, dass er
keinen Vater hat. Trotzdem: Etwas fehlt ihm,
findet Nadja. 

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Noah merkt, dass in seiner Familie
etwas anders ist.

Auch, weil ihn andere
Kinder manchmal nach seinem Vater fragen.

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Sarah und Nadja sind darauf angewiesen, dass ihr Netzwerk aus Babysittern, Freunden, Eltern verlässlich ist. 

Sarah schickt ihren Sohn oft in den Ferien zu den Großeltern in eine andere große Stadt in Deutschland. Damit sie arbeiten kann. Manchmal sagen die Eltern aber kurzfristig ab.

"Ich bin darauf angewiesen, dass die Planung klappt und nicht ein paar Tage vorher verschoben wird. Sonst fällt mein Kartenhaus zusammen", sagt Sarah. 

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Wenn Nadja auf ein Date gehen will, braucht sie einen Babysitter. Der kostet Geld. Geld, das sie eigentlich sparen muss, das sie braucht, wenn sie arbeiten will und dann eine Betreuung braucht.

Und: Ausgehen kostet auch Geld. Für Kino, für Essen, für Trinken. Nadja macht also doppelt Minus.

Ihren Sohn will sie nicht auf ein Date mitnehmen, den Mann gleich nach Hause einladen, aber auch nicht.

Dass Nadja jemanden näher kennenlernt, hat sie sich für die nächsten Jahre abgeschminkt. 


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Sarah will nicht warten, dass ein Mann kommt, um ihr mal einen Nagel in die Wand zu hauen.

Sie will eine eigenständige Frau sein.


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Nadjas ist viel entspannter als früher, vor Matthis' Geburt. Sie stellt andere Ansprüche an ihr Kind als andere Eltern.

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Manchmal ist Sarah ganz froh, alleinerziehend zu sein. 

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Eigentlich wollte Nadja ihren Sohn auf eine Ganztagsschule schicken.

Nun hat sie sich entschieden, Matthis auf eine Schule zu schicken, die seine körperliche und motorische Entwicklung fördert.

Nur: Das ist eine Halbtagsschule, um halb zwei ist Schluss. Früher als im Kindergarten.

Einen zweiten Babysitter hat sie auch noch nicht gefunden. Damit bleibt ihre Chance, mehr zu arbeiten gering, ihr Ziel, sich dieses Jahr von Hartz IV zu lösen, erscheint weit weg.

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Sarah hat einen ersten Sieg errungen. Sie kann mehr arbeiten, wurde von 65 auf 80 Prozent hochgeschraubt.

Nur Home Office wird ihr weiterhin nicht zugestanden. Also kämpft sie weiter, und verlässt sich am liebsten auf sich selbst.

Trotzdem: Sie hat immer einen Plan B im Hinterkopf. Den brauch sie auch in ihrem Leben als alleinerziehende Mutter.

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Thorsten Armstroff und Esther Schröder erklären, wie Bremen mit den Alleinerziehenden umgeht. 

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Hinweis: Die Mütter in der Reportage möchten unerkannt und anonym bleiben. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.

Autorin:

Katharina Elsner

Fotos und Videos:
Fabian Mondl
dpa

Technische Realisation:
Till Rahm

veröffentlicht am: 31. Mai 2017


 

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Kapitel 1 Die, die immer da sind

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Kapitel 3 Wieso Alleinerziehende meistens arm sind

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Kapitel 4 Wo die Väter sind

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