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Ein deutsches Dorf

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1200 Menschen, 14000 Schweine. Eine Kirche, eine Kneipe. Trecker als Youtube-Stars und Jugendliche, die das alles großartig finden.

Willkommen in Werpeloh, einem Dorf im Emsland.

16 Journalisten haben erkundet, wie es sich hier lebt: in der deutschen Provinz.

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Zwei Wochen in Werpeloh, Emsland

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In der dritten Nacht klaute jemand unsere Fahrräder. Wir hatten sie gemietet, um jeden Morgen von einem Nachbarort aus nach Werpeloh zu radeln. In Werpeloh selber hatten wir keine Unterkunft gefunden, kein Wunder, wer reist schon nach Werpeloh: kleines Dorf im Emsland, 1200 Einwohner, eine Kirche, eine Kneipe, ansonsten viele Schweine, Kornfelder, Windräder.
Die Werpeloher betonten sogleich, dass die Räder ja nicht in ihrem Dorf gestohlen worden waren, sondern vor unserer Herberge im Nachbarort. In Werpeloh sei so etwas undenkbar. Hier gebe es keine Diebe. Die Botschaft war klar: In ihrem Flecken, wo jeder jeden kennt, sei die Welt noch in Ordnung.

Ist sie das wirklich? Und falls ja: Worauf beruht diese heile Welt? Macht es Spaß, in ihr zu leben?

Es gibt in Deutschland knapp 6000 Dörfer mit weniger als 2000 Einwohnern. Das sind 6000 ländliche Wohngemeinschaften, die überwiegend brav und geräuschlos vor sich hinleben und selten in die Medien gelangen. Was die Dörfler bewegt, was sie fürchten und begeistert, davon wissen Städter meist nur wenig. Wer so sein Gefühl für die Hälfte des Landes verliert, der wird kalt überrascht von Ereignissen wie dem Brexit und der Trump-Wahl. Gerade Journalisten hören es derzeit häufiger: Schaut mehr aufs Land, berichtet nicht nur über das, was in euren Großstädten wichtig erscheint. Besucht die grünen Flecken auf der Landkarte.

Die Bewohner von Werpeloh waren überrascht und wohl auch erschrocken, als gleich 16 junge Journalisten anreisten. Unser Ziel war eine Nahaufnahme der deutschen Provinz, von einem ganz normalen Dorf, nicht verarmt und abgehängt, aber auch kein Idyll im Speckgürtel einer Metropole. Viele Orte kamen dafür in Frage, wir entschieden uns nach einem Hinweis Berliner Sozialforscher für Werpeloh: provinzieller Durchschnitt, 500 Kilometer entfernt von Berlin, 240 Kilometer von Hannover, eine halbe Fahrtstunde von der nächsten Autobahn.

Zwei Wochen lang haben wir uns auf das Dorf eingelassen, halfen Schweinezüchtern beim Ausmisten, begleiteten die Freiwillige Feuerwehr, feierten im Schützenverein. Am Vatertag pilgerten wir mit Dorfjugend und Bollerwagen durch die Felder, am Sonntag saßen wir in der Kirche.
Über manches von dem, was wir entdeckten, gerieten wir in Streit. Wenn etwa viele Jugendliche nach Schulende in Werpeloh bleiben wollen: Liegt es daran, weil sie bequem und risikoscheu sind – oder weil sie einfach wissen, was sie an ihrer Heimat haben? Wenn viele Werpeloher die rund 100 Fabrikarbeiter aus Osteuropa in ihrem Dorf komplett ignorieren: Ist das fremdenfeindlich oder nicht?

Die Menschen waren nett zu uns. Sie luden uns zu Erdbeerkuchen und zum Grillen ein, sie grüßten uns lächelnd beim Bäcker und auf der Straße. Aber sie blieben auch skeptisch. Was fragen die bloß alles, diese Journalisten aus der Großstadt? Und was wird bei alldem herauskommen?

Die Werpeloher, geprägt von Heimatstolz und Gemeinsinn, blicken auf ihr Dorf so wie die CDU in ihrer aktuellen Kampagne auf Deutschland schaut: ein Ort, an dem wir gut und gern leben. Insofern ist Werpeloh, gerade im Wahljahr 2017, ein sehr deutsches Dorf.

Die Henri-Nannen-Schule ist die Journalistenschule von drei großen deutschen Medienhäusern: dem Gruner+Jahr-Verlag, dem ZEIT-Verlag und dem SPIEGEL-Verlag. In jedem Lehrgang lernen 16 junge Menschen das Handwerk für Print-Journalismus und digitale Medien.  


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Text: Lisa McMinn

Mitarbeit: Florentin Schumacher, Jean-Pierre Ziegler

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Kleines Kaff auf plattem Land, 20 Kilometer bis zur nächsten Disko und als einziges Geschäft ein Bäcker. Welcher Jugendliche möchte hier bleiben? Jeder.

Img 6589 credit jean pierre ziegler
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Wo Assi-Horstmann den Einkaufswagen geklaut hat, weiß ich nicht. Doch nun hocke ich eben drin, und er rollt mich über den Bürgersteig der Hauptstraße eines Dorfes namens Spahnharrenstätte.
Assi-Horstmann heißt eigentlich Tim. Seine Schultern sind schmal, in seinem Gesicht wütet die Pubertät. Aber das ist Tim gerade egal, denn das Bier hat ihn mutig gemacht und mich leichtsinnig. Meine Knie drücken sich in das Gitter des Einkaufswagens, meine Hände umklammern das Seitengestänge. Tim beschleunigt und manövriert den Wagen über die Bordsteinkante auf die Straße. „Mach keinen Scheiß!“, brülle ich. Wir krachen über den Asphalt, dann zieht rechts die Raiffeisenbank an mir vorbei, und noch bevor der Wagen kippt, sehe ich die Lichter in der Ferne.
Der Autoscooter.
Das Bierzelt.
Das Schützenfest, unser Ziel.
Und plötzlich ist das Gefühl wieder da. Ich bin 16 und meine Heimat ist die Provinz. Der Geschmack von Erdbeerlimes. Nasse Hosenbeine von der Schaumparty in der Großraumdisko. Aber auch die Enge, die Eintönigkeit, und die immer gleiche Frage, die mich durch die Nacht begleitete: Wie komme ich nach Hause, wenn der Bus nicht mehr fährt?
Ich stolpere aus dem Einkaufswagen. Lange nicht mehr hier gewesen, denke ich. Willkommen zu Hause.

Acht Kilometer Feldweg liegen hinter uns. Am Mittag habe ich Tim zum ersten Mal getroffen, vor dem geschlossenen Schlecker in Werpeloh. Heute ist Vatertag. Mit Bollerwagen und Bierkästen ziehen hundert Jugendliche aus dem Ort zum Schützenfest ins Nachbardorf. So ist es hier Tradition. Tim läuft mit – und heute auch ich.
Ich bin in Wolfsburg aufgewachsen. Als ich am letzten Schultag mein Abiturzeugnis von der Bühne holte, spielten die Counting Crows: „I´ve been hanging around in this town on the corner / I been bummin‘ around this old town for way way way way way too long“. Acht Jahre ist das her, und ich hatte nur einen Wunsch: weg hier.
Wer jung ist, sucht seinen Platz in der Welt. Wer jung ist, fragt sich: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und: Wo gehöre ich hin? Erwachsen werden heißt, sich zu entscheiden.Ich bin gegangen. Ich habe eine Plus-Minus-Liste gemacht. Berlin war groß, und es war billig. Die Jugendlichen, die ich am Vatertag im Emsland treffe, wollen bleiben. Nicht einer. Nicht zwei. Sondern alle.
In Werpeloh, einem Dorf mit 1174 Einwohnern, 20 Kilometern bis zur nächsten Disko und nur einem einzigen Geschäft: einem Bäcker. Warum?

Img 6589 credit jean pierre ziegler
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„Schreib bloß nicht, dass wir hier immer bloß saufen!“

Michael jugend6
Vor der Bude treffen sich Michael und die anderen zum Grillen.
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Es ist Samstagabend. Wenn du in Werpeloh einsam bist, hatte man mir gesagt, fährst du am besten in Simons Bude. Eine Kneipe gäbe es zwar auch, aber da gehe keiner hin. Die Cliquen haben ihre eigenen Treffpunkte. Denn mit den Cliquen sei es hier so: Wer miteinander die Grundschule besucht, gehört für den Rest des Lebens zusammen. Eine Clique, eine Bude, eine Schicksalsgemeinschaft. Die Mädels haben den Bauwagen, die Älteren die „Hermes-Bar“, eine Art Wohnzimmer mit Kronleuchter, und Simon hat einen alten Schweinestall. 
Der Hof gehört Simons Eltern. Neben dem Unterstand mit den Traktoren finde ich die Eingangstür. Dahinter erinnert nichts mehr an die Schweine, die steinernen Wände sind schwarz gestrichen, daran hängen eine Dartscheibe und ein Bier-Pong-Regelwerk. Ein Spielzimmer für große Jungs.
Simon, 23, tagsüber Steuerfachangestellter, abends Budenbetreiber, sitzt auf einer Ledercouch.„Joa, komm rein“, sagt er, „willst du ein Bier?“
„Schreib bloß nicht, dass wir hier immer bloß saufen!“, ruft einer, ohne den Blick von der Leinwand zu nehmen. BVB gegen Eintracht Frankfurt, das DFB-Pokalfinale.„Unser Hauptgeschäft ist Fußballgucken“, sagt Simon. Er reicht mir eine Flasche.
Fast jeden Abend treffen sie sich hier, Simon und die anderen Jungs, die meisten sind Mitte 20, Berufsanfänger, wie ich.
„Der Wirt der Dorfkneipe konnte die Pay-TV-Lizenz nicht mehr bezahlen. Deshalb machen wir das jetzt privat“, sagt Simon. Er hat ein Konto eingerichtet, die Kosten für Bier und Beamer teilen sie sich. „Fünf Euro monatlich, das läuft ganz gut“, sagt er.
Draußen in der Abendsonne zupft Michael, 26, ein Schweinefilet aus einer Plastiktüte und legt es auf den Grillrost. Michael ist der zweite Horstmann, Tims großer Bruder. Sein Bart beeindruckt mich. Viel mehr als die Hipsterbärte in Hamburg. Er reicht ihm spitz bis auf die Brust. Michael trägt Shorts, seine Unterschenkel sind vernarbt, „vom Motocross“. So oft sie können, brettern die Brüder auf ihren Maschinen durch den Wald, nur sonntagsnachmittags nicht. Aus Rücksicht auf Spaziergänger.Dann ist das Spiel vorbei, der BVB hat gewonnen. Durch das gekippte Fenster höre ich, wie Jungs die Fußballhymne „Anthony Modeste“ grölen.
„Ein Zeichen zum Abhauen“, sagt Lukas, der neben Michael in einem Plastikstuhl hängt. Zwischen seinen Lippen klemmt eine Zigarette.„Sonst gefällt dir das auch immer“, sagt Michael. „Der hat den Pegel nicht!“, sagt ein anderer.
Lukas Grinsen zeigt eine breite Zahnlücke. „Kommt hier jetzt noch wer mit angeln?“, fragt er, „der Wels muss raus.“
Vor drei Jahren hatte er mit seinen Kumpels einen Wels in den Dorfteich gesetzt, 40 Zentimeter groß. Damals konnte man einen blanken Haken in den Teich werfen, irgendwas biss immer. Rotfedern, Karauschen, kleine Fische halt. Der Wels sollte aufräumen. Aber der Wels hat jetzt über einen Meter. Er muss raus. Und zwar heute Nacht. 
Seine roten Haare hat Lukas zu einem dünnen Zopf zurückgebunden, die Seiten abrasiert, Festivalbändchen am Handgelenk, auf dem Oberarm ein Tattoo. Ein Segelschiff.
Lukas sieht aus wie einer, von dem man denken könnte, das Dorf sei ihm zu klein. Ich frage ihn, ob wir uns wiedersehen.      

Michael jugend6
Vor der Bude treffen sich Michael und die anderen zum Grillen.
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Zwei Tage später übt die Freiwillige Feuerwehr, was zu tun ist, wenn die Schule brennt. Lukas fährt den Wagen. „DV3 – Löscheinsatz“, erklärt er. Sein Undercut steckt jetzt unter einem Schutzhelm. Während die anderen Freiwilligen Schläuche ausrollen, steht Lukas an der Pumpe.„Wasser, Marsch!“, ruft der Einsatzleiter. „Veeeeer-standen!“, brüllt Lukas gegen das Rattern der Maschine, und kurbelt am Hahn.

Als er eine Stunde später den Helm abnimmt, ist das Haar darunter feucht. Er fährt sich mit der flachen Hand über die Strähnen, und setzt seine Kappe auf.
Ob er sich hier nicht manchmal langweile, frage ich. „Langweilig?“, fragt er, „Wieso? Gibt doch genug zu tun.“ Sonntags steht Lukas für den SV Werpeloh im Tor. Immer, wenn er gebraucht wird, löscht er Brände mit der Feuerwehr. Und an manchen Abenden tritt er auf die Bühne, als Schauspieler im plattdeutschen Laientheater des Dorfes.

Lukas ist 24 Jahre alt. Gerade lernt er für seine Gesellenprüfung, er wird Tischler. Ob er mal daran dachte, das Dorf zu verlassen? „Bis auf ein, zwei meiner Freunde sind alle hiergeblieben. Ich kann die doch nicht einfach im Stich lassen und sagen: Jetzt bin ich weg.“
Als ich ihn nach den Nachteilen an Werpeloh frage, sagt er nicht: die Enge. Oder: Die Eintönigkeit. Er spricht auch nicht von Kontrolle. Er verweist auf die Baupolitik. Es gebe nicht genug Platz für all die, die bleiben wollen.

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Sarah jugend2
Sarah (rechts) bei einem Auftritt des Musikvereins, in dem sie Klarinette spielt.
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Doch nicht einmal die Baupolitik ist wirklich schlecht in Werpeloh. 1000 Quadratmeter im Neubaugebiet kosten rund 25.000 Euro.

Hier wohnt Sarah mit ihren Eltern. Wir haben uns am Vatertag kennengelernt. Sie hatte mir Eisteeschnaps in einen Plastikbecher gefüllt und mit Kreide meinen Namen auf die Straße gemalt. Jetzt sitzen wir auf ihrer Terrasse, sie gießt Kaffee in meine Porzellantasse und Tee in ihre. Der Sonnenschirm quietscht im Wind.
Sarah ist 19 Jahre alt, ihr weizenblondes Haar geht ihr bis zur Hüfte, die Kunststoffbrille lässt sie älter wirken. Letzten Sommer hat sie Abitur gemacht, jetzt leistet sie einen Freiwilligendienst. In der Grundschule hilft sie den langsameren Kindern. Bald will sie Heilpädagogik studieren. Dafür hat sie auch Bewerbungen nach Freiburg und Berlin geschickt, aber eigentlich will sie nach Münster. Das liegt in der Nähe.
„Vielleicht fahre ich nicht jedes Wochenende nach Hause,“ sagt sie, „aber eigentlich muss ich wohl hier sein. Sonst fehlt einfach alles. Meine Familie, die Feten, die Geburtstage, die Landjugend.“ Im Emsland tritt fast jeder Jugendliche in die katholische Landjugend ein. „Das gehört einfach dazu“, sagt Sarah. Mit 15 wurde sie Mitglied, mittlerweile gehört sie zum Vorstand und nennt ihn „La Familia“. Im Frühjahr fahren sie auf Treckern durchs Dorf und sammeln Müll, nach Weihnachten holen sie verbrauchte Christbäume gegen Spenden an den Haustüren ab.
Die Landjugend bindet Sarah an Werpeloh. Sie engagiert sich für ihr Dorf, wie Lukas. „Man macht das, weil es jeder macht“, sagt sie, „wenn ich nicht mitmachen würde, hätte ich ein schlechtes Gewissen.“ „Ist das der Grund, weshalb du nicht weggehen willst?“, frage ich. „Ich will schon für ein paar Jahre in die Stadt“, sagt Sarah, „aber eine Familie gründen, würde ich am liebsten in Werpeloh.“
Sarah lehnt sich im Gartenstuhl nach vorn, wenn sie spricht. Manchmal fängt sie einen Satz nochmal an, wenn ihr nicht gefallen hat, was sie gesagt hat. Wie eine Pressesprecherin. Sarah, die Vertreterin der Jugend. Ihr Verantwortungsgefühl beeindruckt mich. Die könnte doch viel mehr, denke ich. Hau hier ab, möchte ich ihr zurufen. Geh nach Freiburg oder nach Berlin! Stattdessen sage ich: „Du bist sehr vernünftig.“ „Findest du?“, sagt Sarah und schweigt einen Moment. „Naja. Wenn jeder jeden kennt und ständig jeden sieht, ist der Anstand vielleicht größer.“
Die Enge. Wollte ich nicht deshalb weg?

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Sarah (rechts) bei einem Auftritt des Musikvereins, in dem sie Klarinette spielt.
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Jugend5 mcminn
An der Wand hängt das sechsseitige Bier-Pong-Regelwerk.
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Am Abend bummern die „Beginner“ aus Simons Boxen. Meppen ist aufgestiegen, in die dritte Liga. Der erfolgreichste Fußballverein des Emslandes.
Ich falle Michael in die Arme. Irgendwie freue ich mich. Für Meppen. Für ihn. Wir feiern mit ein paar Runden Bier-Pong. Zwei Teams stehen sich gegenüber, eines an jedem Tischende. 15 Bierbecher pro Mannschaft. Landet der Tischtennisball in einem der Becher der anderen, müssen sie trinken.
Die Horstmann-Brüder treffen fast mit jedem Wurf, ich treffe eigentlich nie. Die Stimmung ist entsprechend gut. Luis, der zweite Torwart des SV Werpeloh, zieht gerade eine Lederjacke über seine nackten Arme. Ansonsten trägt er nur eine Badehose. Ich tippe die Beobachtung in mein Smartphone.
„Pack doch mal das Scheißding weg!“, sagt Michael, entreißt mir das Handy und hält es in die Höhe. In seinem Gesicht passiert jetzt nichts mehr. Er schaut mich einfach nur an. Ganz starr. Das Handy in seiner erhobenen Hand. „Okay“, sage ich. Er senkt den Arm. Sein Gesicht entspannt sich. „Wir fahren nach Meppen. Bist du dabei?“

Aber wir fahren nicht mehr nach Meppen. Ich fahre nach Hause und denke an meine Plus-Minus-Liste. Ich war 19, als ich sie geschrieben habe, wie Sarah. Neben Berlin stand noch eine Stadt auf dem Zettel. Göttingen. Das war nah.
„Denen fehlt der Mut“, sagt ein Freund, als ich ihm von Sarah und Lukas erzähle, „wir haben es halt rausgeschafft.“ „Die haben doch bloß Schiss“, sagt ein anderer.
Es muntert mich nicht auf. Es macht mich wütend. Ja, für mich war es wichtig meinen Heimatort zu verlassen. Ich habe es nie bereut. Aber manchmal denke ich an die, die geblieben sind. Und dann habe ich ein Gefühl, für das ich mich jetzt schäme. Abfälligkeit.
Ich denke zum Beispiel an Vero. In der Schule haben uns alle für Schwestern gehalten. Wir wollten beide Journalistinnen werden. „Und wenn daraus nichts wird, werden wir Hausfrau und Mutter“, hatten wir immer gesagt. Vero hat jetzt einen Sohn. Sie ist zurückgezogen, nach Hause. Ich habe sie dafür belächelt. Aber jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, Vero ist glücklich.

Jugend5 mcminn
An der Wand hängt das sechsseitige Bier-Pong-Regelwerk.
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 mg 9202 schumacher
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Wenige Tage später feiert Werpeloh sein eigenes Schützenfest. Eigentlich hätte ich schon wieder in Hamburg sein sollen, aber das Schützenfest, haben sie gesagt, das sollte ich wirklich nicht verpassen. Das Fest des Jahres.
Das Dorf hat Unkraut gejätet und Hecken gestutzt, und zwischen Grundschule und Schützenheim haben sie das Festzelt aufgebaut. Davor leuchten eine Schießbude und ein Bierstand gegen die Dämmerung.
Michael und Lukas hocken auf Campingstühlen unter hohen Eichen, sie tragen weiße Hemden, in jeder Hand halten sie ein Glas. „Du schon wieder“, sagt Michael. Ich hole ein paar Biere, obwohl sie noch welche haben. Ich habe das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen. Ich bestelle gleich fünf Gläser. Als ich zurückkomme, sind Lukas und Michael weg.
Im Festzelt fängt sich das Licht der Partystrahler in den Volants unter der Decke, mischt sich mit Zigarettenrauch und hüllt die Menschenmenge in orangefarbenen Nebel. Die Sängerin der Coverband singt irgendeinen Song, vermutlich einen Schlager, sonst wüsste ich den Titel jetzt wohl noch. Ich setze mich auf eine Bank und biete einer Frau eines meiner abgestandenen Biere an. „Wie gefällt's Ihnen?“, frage ich. „Mein Ding ist das nicht“, sagt sie, „es ist ja doch immer das Gleiche.“ Sie ist vielleicht Ende 30, ihr blondes Haar hat sie zurückgebunden. Sie sei hier geboren, sagt sie, aber als Jugendliche hatte sie nur einen Wunsch: Sie wollte weg. „Ich bin die Tochter von einem der größten Landwirte im Ort. Für mich gab es nur zwei Möglichkeiten: Selbst Landwirtin werden oder einen noch reicheren Bauern finden.“ Sie lebe jetzt in einer Kleinstadt in Bayern. Aber mindestens einmal im Jahr kommt sie nach Hause. Zum Schützenfest.
An der Bar treffe ich Sarah. Sie sieht heute anders aus. Statt Brille trägt sie Kontaktlinsen, ihr Gesicht wirkt dadurch noch makelloser als sonst. Wir bestellen Spezi. Ich frage nach dem Stand ihrer Bewerbungen. „Noch keine Antwort“, sagt sie. „Freiburg ist wirklich schön“, sage ich.
Ich rede und tanze, trinke und proste, bis mich ein Arm von hinten packt, und sich fest um meinen Hals zieht.„Boah, Michael!“, ruft Sarah und wirft entschuldigende Blicke in meine Richtung. „Komm mal mit!“, sagt Michael. Er führt mich nach draußen, die Eichen sind dunkel und wir beide allein. „Ich will dir mal was sagen.“ Sein Körper baut sich vor mir auf. Sein Bart ist nicht mehr hip, sondern beängstigend und verdammt nah an meinem Gesicht. „Wir haben dich immer reingelassen“, sagt er, „aber woher sollen wir wissen, was du daraus machst? Weißt du eigentlich, dass du Leute hier kaputt machen kannst, wenn du was Falsches über sie schreibst?“ Ich weiche zurück. „Das ist nicht meine Absicht“, sage ich. Er lacht. „Was soll das?“, frage ich. Michaels Telefon klingelt. Er schaut auf das Display. Dann dreht er sich um und geht.

Vielleicht wollte Michael mich einfach einschüchtern. Vielleicht wollte er verhindern, dass ich ihn und seine Freunde als Provinzdeppen darstelle. Vielleicht sollte ich deshalb beleidigt sein. Vielleicht sollte mich das empören. Aber ich stimme ihm zu.

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Es braucht auch Mut, zu bleiben

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Beim SV Werpeloh steht Lukas im Tor.
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Ein Dorf wie Werpeloh funktioniert, weil jeder eine Rolle hat.
Und weil es Menschen wie Michael gibt, Aufpasser, die dafür sorgen, dass es so bleibt.
Wäre Simon nicht, gäbe es die Langeweile, die ich nicht finden konnte.
Wären Leute wie Lukas nicht, gäbe es weder eine Feuerwehr noch einen Fußballverein.
Gäbe es Menschen wie Sarah nicht, würde sich niemand verantwortlich fühlen.
Und wäre Michael nicht, hätte ich das alles nicht verstanden.

Natürlich braucht es Mut, seine Heimat zu verlassen. Aber es braucht auch Mut, zu bleiben. Weil man auf die Rollen verzichten muss, die man sich an einem neuen Ort erschaffen kann. An einem Ort, an dem dich keiner kennt. Manche Leute werden dann erst richtig interessant. Andere werden Arschlöcher. Zu gehen, ist immer auch ein Risiko. Die Jugendlichen, die ich kennengelernt habe, verzichten darauf. Sie wollen sich nicht neu erfinden.
Vielleicht würde Sarah in Freiburg keinen Müll mehr sammeln gehen, sondern auf die Straße. Gegen den Kapitalismus. Für den Weltfrieden. Aber Sarah will gar nicht die Welt verbessern, sondern erst einmal Werpeloh.

Sie wollen bleiben, wo sie sind, weil sie zufrieden sind. Simon und Sarah, Michael und Lukas, sie alle werden hier gebraucht. Sich selbst für die Gemeinschaft zurückzunehmen, ist nicht nur mutig. Es ist großmütig.

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Beim SV Werpeloh steht Lukas im Tor.
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Halb zwei in der Nacht, zurück im Zelt. Lukas zieht mich auf die Tanzfläche. Vielleicht habe ich auch ihn gezogen, ich erinnere mich nicht. Doch nun drehen wir einander immer wieder unter unseren gehobenen Armen hindurch wie Kreisel. Es ist der einzige Tanzschritt, den wir beide beherrschen, unser kleinster gemeinsamer Nenner. Die Stimme der Coverbandsängerin klingt viel besser als noch vor ein paar Stunden, als ich noch nicht wusste, dass Spezi hier nicht Cola-Fanta ist, sondern Cola-Korn.
„Was bedeutet dir dein Tattoo?“, frage ich und deute auf den Dreimaster auf Lukas' Oberarm. „Freiheit. Und deins?“ Lukas zeigt auf meinen Unterarm. Der Apfel soll mich an meine Oma erinnern, an den Apfelbaum, der in ihrem Garten stand, an den Saft, den sie aus den Früchten presste und an den Kuchen, den sie damals buk. „Heimat“, sage ich.
„Immer das, was man nicht hat“, sagt Lukas und hebt den Arm zur Drehung. Und mir wird klar, wie überheblich dieser Gedanke war: Zu glauben, dass nur ihm etwas fehlt.

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Sie heiraten früh, fahren oft betrunken und wählen die CDU. Wer in der Stadt lebt, kennt diese Klischees über Dorfbewohner. Wir haben Werpeloher gefragt, was sie davon halten.

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Sie ist 83 Jahre alt, hat drei ihrer vier Kinder früh verloren und immer nur im Stall oder Garten gearbeitet. Doch nun ist das Glück in das Leben von Maria Holtmann getreten: mit Amin, vier Jahre, von Afghanistan nach Werpeloh geflohen.

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Sie heften Kameras an Mähdrescher, filmen sie mit Drohnen aus der Luft. Lars und Laurenz betreiben den Youtube-Kanal „Emsland Agrarvideos“. Sie sind: 13 und 14 Jahre alt.

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Multimedia-Reportage
erschienen im WESER-KURIER am 30. September 2017

Beiträge (Text, Video, Foto) von:
Marius Buhl, Martin Eimermacher, Lisa McMinn, Martin Pfaffenzeller, Frederik Seeler, Florentin Schumacher, Daniel Sippel, Jean-Pierre Ziegler, Benedikt Becker, Stefanie Pichlmair
Technische Umsetzung: Alice Echtermann
Das gesamte Projekt: www.eindeutschesdorf.de 

Die Henri-Nannen-Schule:
An der Henri-Nannen-Schule werden Journalistinnen und Journalisten für drei große deutsche Medienhäuser ausgebildet: Gruner+Jahr-Verlag, ZEIT-Verlag und SPIEGEL-Verlag. In jedem Lehrgang lernen 16 junge Menschen das Handwerk für Print-Journalismus und digitale Medien. Die kostenfreie Ausbildung dauert 18 Monate. Gegründet wurde die Henri-Nannen-Schule 1979 von dem Journalisten und Sachbuchautor Wolf Schneider. Mehr Informationen unter www.journalistenschule.de 

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Kapitel 1 Das Experiment

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Kapitel 2 Werpeloh forever

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Kapitel 3 Gülle, Inzest, Korn

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Kapitel 4 Maria und Amin

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Kapitel 5 Die Gülle-Influencer

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Kapitel 6

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