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krankenmorde

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Franziska und Jacob Goldschweer sind ein glückliches Paar, so scheint es auf diesem Foto.

Ganz unbeschwert aber wird dieser Tag im Sommer 1942 nicht gewesen sein: Denn die beiden sitzen nicht etwa im Park, sondern auf einer Bank im Garten der Bremer Nervenklinik.

Jacob Goldschweer hofft, dass er von seinen Angstzuständen während des Klinikaufenthalts geheilt wird. 

Doch der Ort, von dem er sich Hilfe erhofft, wird für ihn zur Falle.


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"Manchmal habe ich unvorstellbare Sehnsucht nach Euch meine Lieben, das schrecklichste ist immer wie lange noch?"

4. Juni 1944

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Jacob Goldschweer schreibt diese Sätze aus der Anstalt Meseritz-Obrawalde zu seiner Familie nach Bremen.
Meseritz liegt heute in Polen, gut eineinhalb Stunden Autofahrt östlich von Frankfurt/Oder.

Weil die Bremer Klinik teilweise zerbombt ist, wird er mit anderen Patienten dorthin verlegt. 
Er ist nun weit weg von seiner Frau und seinen sechs Kindern.

Und vor allem: Er darf dort nicht weg.

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Die Anstalt Meseritz-Obrawalde in den 1960er Jahren. Quelle: Krankenhaus-Museum Bremen
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"Was gäbe ich darum nach Euch zurückkehren zu dürfen! Seit September 1941 ist doch nichts mehr nach dem Nervenzusammenbruch vorgefallen - man kann mich hier doch nicht ewig festhalten? Ohne Aussicht auf Entlassung."

4. Juni 1944

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Die Anstalt Meseritz-Obrawalde in den 1960er Jahren. Quelle: Krankenhaus-Museum Bremen
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Was Jacob Goldschweer und seine Familie nicht wissen: Meseritz ist längst keine Heilanstalt mehr. In Meseritz-Obrawalde werden seit 1942 Patienten systematisch getötet. Im Wald reihen sich die Gräber aneinander.

Medikamente werden bewusst nicht verabreicht, Patienten sind unterernährt. Viele werden durch Medikamenten-Cocktails oder Morphium-Überdosen gezielt getötet.

Goldschweer sitzt in der Falle. 

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Goldschweer verzweifelt mehr und mehr. Seine Briefe unterzeichnet er stets mit den Worten:

"Euer unglücklicher J.B. Goldschweer"

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Walter Kaldewey. Quelle:Krankenhaus-Museum Bremen
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Jacob Goldschweer ist das Opfer einer Ideologie, die auch aus Bremen gesteuert wird.

Zwei zentrale Figuren der Medizinmorde der Nazis arbeiteten in Bremen: Walter Kaldewey leitete von 1939 bis 1945 die Bremer Nervenklinik, sein Vorgänger war Theodor Steinmeyer.

Beide Mediziner waren Gutachter, sie entschieden, wer leben durfte und wer sterben musste.  

Sie waren keine Mitläufer. Sie waren entscheidend beteiligt an den Krankenmorden der Nazis.

Dr. kaldewey
Walter Kaldewey. Quelle:Krankenhaus-Museum Bremen
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Mindestens 42 Gutachter entschieden während des NS-Zeit über Leben und Tod der Klinik-Insassen.

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Sie markierten die Meldebögen entweder mit einem Plus oder einem Minus. Dabei stand das Plus makabererweise für den Tod, das Minus für das Leben.

In den meisten Fällen zeichneten sie ein Plus.

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"Leben ohne Sinn, Leben ohne Hoffnung, Leben nur als Last" - das war die perfide Losung, die die NS-Propaganda schon in den Jugendorganisationen vermittelt hat.
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Die Einstellung, dass Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen weniger wert sind, als andere, gab es schon vor der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland.

Allerdings erließen die Nazis als eines der ersten NS-Gesetze das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Es war die gesetzliche Basis für die Zwangssterilisierung von 400.000 Menschen.

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"Leben ohne Sinn, Leben ohne Hoffnung, Leben nur als Last" - das war die perfide Losung, die die NS-Propaganda schon in den Jugendorganisationen vermittelt hat.
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Bildband f%c3%bcr die schulung in der hitlerjugend %2816 von 42%29
"Der Volksgemeinschaft kosten täglich: Krüppel und Blinde 5-6.00 RM (Reichsmark), Geisteskranke 4.00 RM, Verbrecher 3.50 RM und es verdienen manche Arbeiter und Angestellte 2.50-3.50 RM". So stellte die NS-Propaganda ihre Ideologie vor.
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Dabei rechneten sie auf, wie viel Geisteskranke, Blinde oder Verbrecher die Gesellschaft kosten würden.

Angeblich, so stellt es diese Übersicht aus einem Propaganda-Bildaband dar, verdienten Arbeiter und Angestellte weniger am Tag als diejenigen kosteten, die im Sinne der NS-Ideologie krank waren.

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"Der Volksgemeinschaft kosten täglich: Krüppel und Blinde 5-6.00 RM (Reichsmark), Geisteskranke 4.00 RM, Verbrecher 3.50 RM und es verdienen manche Arbeiter und Angestellte 2.50-3.50 RM". So stellte die NS-Propaganda ihre Ideologie vor.
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Obwohl diese Ideologie die Gesellschaft zur NS-Zeit tief durchdrungen hat, hofft Jacob Goldschweer auf seine Entlassung. Auf eine glückliche Wiedervereinigung mit seiner Familie.

"Mit Gottes Hilfe werden wir auch einmal bessere Zeiten haben."

24. Juli 1944

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Lebensgeschichten wie die von Jacob Goldschweer kennen wir heute dank Forscherinnen wie Gerda Engelbracht.

Sie hat ihre Namen und Biografien in einem Erinnerungsbuch gesammelt.


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Die Kulturwissenschaftlerin erforscht die Krankenmorde während der NS-Zeit.

Mindestens 200.000 kranke und behinderte Menschen wurden von den Nazis im Deutschen Reich ermordet.

Gerda Engelbracht sammelte die Namen und Biografien von 822 Bremer Opfern.
    

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Jacob Goldschweer ist einer von 473 Menschen, die 1942 und 1943 von der Bremer Nervenklinik in die Tötungsanstalten nach Meseritz-Obrawalde, Uchtspringe und Hadamar transportiert wurden.

Ende April 1945 waren mindestens 423 von ihnen tot.

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Mindestens 822 Menschen aus der ehemaligen Bremer Nervenklinik starben zwischen 1942 und 1945. Sie waren behindert, psychisch krank oder dement.

Unter ihnen auch 31 Kinder.

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Eines von ihnen ist Gertraude Küchelmann. Gertraude Küchelmann starb, als sie drei Jahre alt war. Sie starb in der Kinderfachabteilung in Lüneburg. Sie starb, weil sie nicht so war, wie die anderen.

Ihr Bruder Hans-Walter Küchelmann war damals selbst noch ein Kind.

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Ein Telegramm benachrichtigt die Familie vom Tod der Dreijährigen.

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Obwohl Hans-Walter dachte, es sei nur eine Trennung auf kurze Zeit, sah er seine Schwester nie wieder.

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5 gertraude k%c3%bcchelmann
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Martha Küchelmann, die Mutter der beiden Kinder, machte sich ihr Leben lang Vorwürfe, dass sie ihre Tochter in die Kinderfachabteilung nach Lüneburg schickte.

Verdrängt hat sie den Tod ihrer Tochter jedoch nicht.

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Gertraude Küchelmann erlebte nicht einmal eine Nacht in der Kinderfachabteilung Lüneburg.

Jacob Goldschweer und seine Frau Franziska versuchten über Monate vergebens, seine Entlassung aus der Klinik in Meseritz-Obrawalde zu erreichen.

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"Noch einmal: das wichtigste ist mir meine Entlassung aus der Anstalt - und ich bitte alles zu tun mich hier heraus zu bekommen, lebendig und gesund an Leib u Seele."

24. Juli 1944

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12 jacob goldschweer
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70 Tage später, am 2. Oktober 1944, ist Jacob Goldschweer tot.

12 jacob goldschweer
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Franziska Goldschweer stellte im Jahr 1954 einen Wiedergutmachungsantrag. Sie war eine von sieben Angehörigen in Bremen, die das forderten.
Sie wollte erreichen, dass der Tod ihres Mannes als Unrecht eingestuft würde.

Der Antrag wurde abgelehnt. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Toten aus Meseritz, Hadamar und Uchtspringe als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden.

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Die einzelnen Grabstätten der Anstalt in Meseritz-Obrawalde waren in Wirklichkeit Massengräber, wie polnische Ermittler in den 1960er Jahren endgültig aufdeckten.

Der letzte Beweis dafür, dass es sich um eine Tötungsanstalt handelte.

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An Bremer Opfern hat Gerda Engelbracht mit ihrer Forschung bislang 822  Menschen ausgemacht, die an den Medizinverbrechen der Nazis starben.

Doch das scheint nur eine vorläufige Bestandsaufnahme zu sein.

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Im Bremer Rathaus wurden am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar dieses Jahres die vollen Namen der bisher bekannten Opfer der Medizinmorde verlesen.

Zum ersten Mal.

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Eine Multimedia-Reportage des WESER-KURIER:

Autoren und Gestaltung:
Kathrin Aldenhoff
Klaas Mucke

Fotos und Videos:
Jonas Kakó

Archivmaterial:
Volker Crone
Krankenhaus-Museum Bremen
Staatsarchiv Bremen
Staatsarchiv Gorzow Wielkopolski

Mit besonderem Dank an
Gerda Engelbracht
Achim Tischer
Hans-Walter Küchelmann
Karl Hauser
Robert Parzer
Daniel Stöckel

Sprecher:
Stevie Schulze
Jonas Kakó

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Übersicht

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Kapitel 1 Jacob Goldschweer

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Kapitel 2 Engelbracht und die Angehörigen

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Kapitel 3 Küchelmann

Euthanasie 08

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Kapitel 4 Wiedergutmachung

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Kapitel 5 Credits

Irrstein
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